Rolf Schulte
Unsere kleine Straße
Als
wir vor nunmehr rund 40 Jahren ein Häuschen hier im Neubaugebiet
bezogen, gingen unsere beiden Kinder noch zur Schule. Wir waren,
ebenso wie alle anderen Zugezogenen in den besten Jahren – wie man
so sagt.
Aus den herangewachsenen Kindern wurden jungen Leute. Bei uns und bei den Nachbarfamilien. Die Jugend verließ ihr Elternhaus, blieb der Liebe wegen in ihren Studienorten oder fand außerhalb ihres Geburtsortes Arbeit und gründete dort ihre eigene Familie. Fast unmerklich wurde es in der Nachbarschaft stiller und stiller.
Aus den herangewachsenen Kindern wurden jungen Leute. Bei uns und bei den Nachbarfamilien. Die Jugend verließ ihr Elternhaus, blieb der Liebe wegen in ihren Studienorten oder fand außerhalb ihres Geburtsortes Arbeit und gründete dort ihre eigene Familie. Fast unmerklich wurde es in der Nachbarschaft stiller und stiller.
Manches
hat sich also in unserer kleinen Stichstraße verändert. Junge
Menschen gingen, alte blieben. Immerhin, man kennt sich und spricht
gelegentlich ein paar Worte miteinander.
Gerade
noch rechtzeitig, bevor wir völlig von gleichaltrigen Renten- oder Pension beziehenden Nachbarn umgeben sind, freuen wir uns über
einige junge Familien, die nun hierher gezogen sind. Jetzt sehen wir
unsere stille Straße nicht mehr als Altenheim-Dependance. Kinder sind
nun wieder in unserer Nähe. Zwei junge Ehepaare mit Zwillingen, drei
weitere mit bald schulpflichtigen Kindern in nachbarschaftlicher Nähe
erfreuen uns. Gern hören wir die Kinderstimmen, wenn die Kleinen im
Garten spielen, wenn sie am Haus vorbeirennen oder die Straße
hinunter rollern. Amin sehen wir glücklich, wenn er von seinem Papa
vom Kindergarten abgeholt wird, besonders wenn es dabei Huckepack
nach hause geht.
Heute
am frühen Morgen kam ich auf dem Weg zum Arzt an einem etwas weiter
entfernt liegenden Grundstück vorbei, sah wie ein kleines Mädchen
aus der Haustür hüpfte. Ich hörte sie freudig sagen: „Wir fahren
in Italien.“ Dabei blickte das Kind zurück zur Tür. Dort erschien
nun ein etwa fünf bis sieben Jahre altes Mädchen, begleitet von
einer jungen Frau.
Wem
galt aber diese freudige Mitteilung.über die bevorstehende Reise?
Mir, dem zufällig vorbeigehenden fremden alten Mann wohl nicht.
Dennoch antwortete ich halblaut: „Das ist aber schön.“ Die junge
Frau lächelte verlegen ̶
etwas irritiert vielleicht?
Der
freudige Ausruf ihrer Tochter galt wohl nicht mir, aber
ebenso wenig den beiden Männern am Auto vor der Garage. Weder für
diese, noch für Mutter oder Schwester war der Aufbruch zur Reise
schließlich eine Neuigkeit. Das glückliche Kundtun war überhaupt
nicht an jemanden direkt gerichtet. Es geschah aus purer Freude. Sie
übertrug sich auf mich. Ich danke dir, mein liebes Kind, dass du
mich an deinem Glücklichsein teilhaben ließest.
Zurückgekehrt
in unsere kleine Straße, freute ich mich über Amin, der mich mit
seinem Roller bis vor meine Haustür begleitete.
„Na,
das macht wohl Spaß, bei dem schönen Wetter draußen zu rollern?“ Amin schaute strahlend zu mir hoch.
Meine
Frau erwartete mich schon im Vorgarten. Sie sprach den
schwarzhaarigen Lockenkopf ebenfalls an. „Natürlich macht das Spaß,
das sehe ich dir doch an.“ Erneut war ein glückliches
Kinderlächeln die stille Antwort. „Wie ein kleiner Engel siehst
du aus, wenn du so lächelst.“ „Du bist doch ein kleiner Engel,
nicht wahr?“
Die
Reaktion kam mit einem zaghaften Blick als Frage daher: “Sind Engel
denn immer klein?“
„Nein
es gibt auch große, aber du bist ja noch klein, ein kleiner Engel
eben.“
„Frag
mal deine Mama, die nimmt dich in den Arm und sagt bestimmt zu dir,
ja du bist mein kleiner Engel.“
Amin kam näher heran, schaute uns aus dunklen Augen einen Moment an.
„Und
ihr seid alt. Ihr sterbt bald und dürft bei Gott sein.“
„Wir
sind aber viel lieber hier in unser‘m Garten!“ Etwas verunsichert
zupften wir hier und da ein Unkraut. Der Junge rollerte fröhlich
heim.
Vielerlei
ging uns durch den Kopf. Zuerst der weise Spruch: Kindermund tut
Wahrheit kund. Amin hat es gut gemeint, dessen sind wir sicher.
Wollte er uns mit Zuversicht über das Altsein hinwegtrösten? Wenn
es für den kleinen Engel (mit dem B davor) eine schöne Vorstellung
wäre, bei Gott zu sein, und er uns dieses in Aussicht stellte. Er berührte unwissend ein Tabu. In unserer Gesellschaft weist man
aus Sensibilität nicht auf das künftige Sterben hin. Der Glaube an
ein Fortbestehen, die Auferstehung oder Wiedergeburt ist dafür im
Allgemeinen nicht genug gefestigt. Das mag in anderen Kulturkreisen
anders sein.
Immerhin gibt es genügend Beispiele. Manche Nachrichten und Bilder im Fernsehen zeugen davon. Attentäter verbreiten Schrecken, morden und zerstören sich und andere Menschen in der Hoffnung, gleich nach ihrer Selbsttötung bei Gott sein zu dürfen. Sie handeln offenbar in Hoffnung auf Gottgefälligkeit.
Immerhin gibt es genügend Beispiele. Manche Nachrichten und Bilder im Fernsehen zeugen davon. Attentäter verbreiten Schrecken, morden und zerstören sich und andere Menschen in der Hoffnung, gleich nach ihrer Selbsttötung bei Gott sein zu dürfen. Sie handeln offenbar in Hoffnung auf Gottgefälligkeit.
Heute
Morgen liegt einsam und vergessen ein Roller auf der Straße. Eine
Nachbarin weiß, wem er gehört und dass die Familie mit dem kleinen Amin offenbar zu einer Autoreise aufgebrochen ist. Die
Pfingstfeiertage beginnen.
Die
Abendnachrichten melden Staus auf allen Autobahnen. Wir bleiben zu
hause, in unserer kleinen Straße, fahren lieber nicht in den Orient und vorerst auch nicht in Italien.